Der Mann, der mit Schlangen sprach
"Die Vergangenheit erschien nur als fernes Märchen"
Klappentext
Lemeet und die Waldbewohner leben in einer fantastischen Welt,
in der Frösche fliegen können, Läuse so groß sind, dass man auf ihnen reiten
kann und Bären eine Vorliebe dafür haben Frauen zu verführen. Doch ihr
zauberhafter Lebensraum ist bedroht: Die Menschen des Dorfes, die der Magie
entsagt haben und stattdessen religiös geworden sind, dringen immer tiefer in
den Wald ein. Um Lemeets Welt zu retten, müsste der Nordlanddrache, eine Gottheit
für Wohlstand und Schutz, wiedererweckt werden. Dazu bedarf es einer ganzen
Schar von Waldbewohnern, die die Schlangenworte sprechen. Und Lemeet ist der
Letzte, der diese Sprache beherrscht.
Übersicht
Autor: Andrus Kivirähk
Verlag: Hobbit Presse/ Klett-Cotta
Sprache: Deutsch, Übersetzung aus dem estnischen
Seiten: 462
ISBN: 978-3-608-98107-0
Genre: Fantasy/ historischer Roman
Reihe: Nein
Rezension
Estland im Mittelalter, eine ganz andere Welt, als wir sie
kennen und eine Welt, die im sterben liegt. Einst waren die Esten ein mächtiges
und starkes Volk, ihre Brüder, die Schlangen, haben ihnen ihre Sprache
beigebracht und ihnen so zu großer Macht verholfen. Fast jedes Tier muss den
Schlangenworten gehorchen und somit auch den Menschen, die diese Worte beherrschen.
Immer wieder gab es Angriffe gegen die Esten, doch mutig zogen sie, auf Wölfen
reitend in die Schlacht und in Augenblicken größter Gefahr konnten sie den
mächtigen Nordlanddrachen zu Hilfe rufen und so jeden Angreifer besiegen. Doch
die Welt verändert sich. Deutsche Ritter, die Eisenmänner dringen immer weiter
in die tiefe der estnischen Wälder vor. Sie beeindrucken die Menschen und sie
bringen nicht nur Ackerbau und Viehzucht, sondern auch das Christentum und
Mönche mit. Immer mehr Menschen gründen Dörfer, roden den Wald, werden zu
Christen und vergessen die Schlangenworte. In diese Welt des Umbruchs wird
Lemeet geboren, ein Dorfjunge. Doch nach dem frühen Tod seines Vaters zieht es
seine Mutter zurück in den Wald und so wächst Lemeet in der alten Welt und mit
den Schlangenworten auf. Wird er der letzte bleiben, der die Schlangenworte
beherrscht?
Andrus Kivirähks Schreibstil lässt sich sehr angenehm lesen.
Er ist weder besonders einfach gehalten, noch zeichnet er sich durch besondere
Komplexität aus, sondern hält geschickt die Waage. Die vielen estnischen Namen
wirken zu Anfang etwas ungewohnt, lassen sich jedoch nach kurzer Eingewöhnung
gut lesen. Der Stil des Autors passt gut zum Thema des Buches und schaffte es
die phantastische, aber auch historische Welt seines alten Estlands miteinander
zu verbinden. Teilweise schreckt der Autor jedoch nicht davor zurück auch
drastische Gewalt relativ detailreich zu schildern. Etwas, das nicht allen
Leser zusagen dürfte.
Lemeet ist ein schwieriger Charakter. Der Leser begleitet
ihn durch sein gesamtes Leben und kann so Lemeets Entwicklung recht genau
mitverfolgen. Trotzdem bleibt sein Verhalten oft nicht richtig nachvollziehbar.
Meist erscheint er eher nachdenklich und ist oft ein Einzelgänger. Seine beiden
engsten Freunde, die Schlange Ints und der Junge Pärtel begleiten ihn jedoch
auf seinen Streifzügen durch den Wald. Zu Beginn der Handlung leben nur noch
wenige Menschen im Wald, die meisten sind bereits in das Dorf gezogen. Trotzdem
werden von den im Wald verbliebenen Familien nur wenige erwähnt. Lemeets
Erzählungen konzentrieren sich hauptsächlich auf seine beiden Freunde und seine
Familie. Später gewinnt auch das Mädchen Hiie an Bedeutung. Das Lemeet die
anderen Familien im Wald, in seinen Schilderungen meist außen vor lässt,
spricht eher für ihn als Einzelgänger. Das Pärtel und Ints, sowie später auch
Hiie in seinem Leben eine zentrale Bedeutung einnehmen, spricht jedoch dagegen.
Auch in anderen Situationen zeigt sich Lemeet sehr ambivalent. Auf der einen Seite
liegt ihm der Wald und dessen funktionierendes Ökosystem sehr am Herzen, auf
der anderen Seite hat er Spaß am töten von Tieren, welche die Schlangensprache
nicht mehr verstehen.
Obwohl der Leser Lemeet durch ein langes Leben begleitet,
wird sein Charakter nicht so richtig klar. Er wirkt ein wenig unausgegoren und
sein Verhalten scheint vom Autor oft der Situation am Besten angepasst worden
zu sein, anstatt einen glaubwürdigen Charakter zu schaffen.
Auch der Rest der Handlung wirkt manchmal ähnlich konfus.
Dafür scheint der Autor eine Vorliebe dafür zu haben, sich in eher abstoßenden
Details zu verlieren.
Fazit
Bei diesem Buch bin ich sehr zwiespältiger Meinung. Die
Grundidee die estnische Frühgeschichte mit einigen Fantasyelementen zu
kombinieren hat mir mich sofort angesprochen. Die Gegensätze zwischen den
Menschen des Dorfes und denen des Waldes sind anschaulich dargestellt. Leider
gibt es jedoch auch einige Dinge, die ich eher seltsam fand. Lemeets Familie
scheint sich fast ausschließlich von Bergen an Fleisch zu ernähren, sie
scheinen beinah nichts anderes zu essen. Allein der Fleischkonsum dieser einen
Familie hätte schon zur Ausrotten allen Lebens im Wald führen müssen. Das passt
so gar nicht zu ihrem, angeblichen, im Einklang mit der Natur, leben. Ein
normales Maß an Fleisch hätte völlig gereicht. Der Autor beschreibt gerne Dinge,
die ich echt nicht wissen möchte, weil sie irgendwo eklig sind, sehr detailliert.
Ich habe keine Ahnung was er damit bezwecken möchte. Provokation? Auch sonst
verläuft die Geschichte manchmal wirklich spannend, manchmal einfach nur irritierend.
Wer auf der Suche nach einem klassischen historischen Roman
oder einem klassischen Fantasy Buch ist, dem kann ich „Der Mann der mit
Schlangen sprach“ nicht empfehlen. Wer mal Lust auf ein etwas anderes Buch hat,
der macht sich am Besten selbst ein Bild.
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